Rettet das Innsbrucker Naturdenkmal "Blutbuche"

Der geplante Baukörper soll fast zur Gänze im Wurzelbereich der Blutbuche liegen. Laut ÖNORM L 1121 führt bereits ein Verlust von 40% der durchwurzelten Fläche zu einem 100%-igen Baumschaden!

 

Die im Bescheid zur naturschutzrechtlichen Ausnahmebewilligung geforderten vier Metern Abstand vom Wurzelhals des Baumes (nicht vom Stammrand!) sind unserer Meinung nach in keiner Weise ausreichend. Sollte das Bauwerk in der geplanten Weise ausgeführt werden ist mit mittel- bis langfristig mit einer massiven Schädigung des Baumes zu rechnen.

 

Das geht insbesondere auch aus der ÖNORM L1121 zum "Schutz von Gehölzen und Vegetationsflächen bei Baumaßnahmen" hervor.

 

Eine vollständige Wiedergabe der ÖNORM L1121 ist aus urheberrechtlichen Gründen nicht möglich (sie kann an der Bibliothek der Baufakultät eingesehen werden), deshalb hier nur einige Zitate.

Die ÖNORM L1121 definiert den bei Baumaßnahmen zu schützenden Wurzelbereich bei freistehenden Bäumen als "die von der Kronentraufe eingeschlossene Fläche zuzüglich 1,5 m im Radius" (ÖNORM L1121, Seite 4). In diesem Wurzelbereich gelten strenge Auflagen.

Insbesondere führen Verdichtungen, Bodenauftrag oder Bodenabtrag zu schweren Schäden im Wurzelbereich, die mittel- bis langfristig zu einem Absterben des Baumes führen.

Eine Verdichtung (Versiegelung) des Bodens behindert den Gasaustausch im Boden und die Entwicklung der Mikroorganismen. Deshalb ist laut ÖNORM jede Verdichtung des Bodens im Wurzelbereich zu vermeiden! "Die Bäume werden anfälliger gegen Schädlinge und können binnen weniger Jahre ihre Standfestigkeit verlieren und absterben." (ÖNORM L1121, Seite 6).

Die Wurzeln von Bäumen stehen in einer sehr engen Beziehung zur Bodenoberfläche (Atmung, Wasser, Mikroorganismen). Deshalb sind laut ÖNORM Bodenauftragungen und Bodenabtragungen im Wurzelbereich zu vermeiden.

Dies gilt ganz besonders für Buchen, denn "die Buche reagiert äußerst empfindlich auf Erdanschüttungen im Wurzelbereich. Schon eine Anhebung des Bodenniveaus um 10 cm um den Stamm kann die Buche mittelfristig zum Absterben bringen." (Wikipedia")

Bodenauftragungen sind deshalb so gefährlich, weil die Bäume neue Obeflächenwurzeln bilden, wobei die alten Wurzeln ersticken und abfaulen. "Der Baum verliert seine Standfestigkeit, weil die neu gebildeten Wurzeln zur Verankerung nicht ausreichen. Dieser Vorgang erstreckt sich häufig über viele Jahre." (ÖNORM L1121, Seite 7).

 

Mindestens ebenso gefährlich sind Bodenabtragungen, da sich Bäume in der obersten Humusschicht (ca. 20 bis 30cm) mittels Feinwurzeln ernähren. "Wird diese Schicht abgetragen, 'verhungern' die Bäume je nach Ausmaß des Eingriffes und sterben mehr oder weniger schnell. Die Beeinträchtigung der Standsicherheit von Bäumen durch Bodenabtrag ist vielfach so groß, dass sie bei Sturm geworfen werden oder in Hanglagen abrutschen." (ÖNORM L1121, Seite 9).

Durch Baugruben und Kelleraushub kommt es schließlich zur Durchtrennung und zum Abreißen von Wurzeln, wodurch Fäulnis entsteht. "Diese kann sich im Laufe der Jahre bis zum Wurzelstock ausdehnen und die Standsicherheit des Baumes beeinträchtigen" (ÖNORM L1121, Seite 10).

Ebensowenig ist nach der ÖNORM eine Beschädigung der Krone zulässig. "Schnittmaßnahmen für Bauarbeiten sowie Lager- oder Transportflächen dürfen das artspezifische Erscheinungsbild und die Vitalität der Pflanze nicht dauerhaft beeinträchtigen." (ÖNORM L1121, Seite 13).

Auch O.Univ.·Prof. Dr. Sigmar Bortenschlager vom Institut für Botanik der Universität Innsbruck kommt in seiner gutachterlichen Stellungnahme zum eindeutigen Schluss, dass die Blutbuche die geplanten Bebauungsmaßnahmen nicht überleben wird (siehe unten).

Deshalb fordern wir den Bau derart auszuführen, dass die zu erwartende Schädigung des Baumes minimal gehalten wird, und insbesondere, dass dem Bauwerber die strikte Beachtung der ÖNORM L1121 aufgetragen wird.

 

 

 

Gutachterliche Stellungnahme

O.Univ.·Prof. Dr. Sigmar Bortenschlager

Universität Innsbruck, Institut für Botanik

Innsbruck, 5. Mai 2008

Objekt: Blutbuche - Fagus sylvatica f. rubra

Standort: - 11°24,167 ö.L., 47°16,537 n.B.

 

Status: Die polykorme Blutbuche mit einem Kronendurchmesser von fast 30 m und einem Stammdurchmesser in Brusthöhe von etwa 1,5 m und einer Höhe von über 20 m ist ein prachtvoller, kerngesunder Solitärbaum von sehr hohem ästhetischen Wert. Er dürfte ein Alter von 120 - 150 Jahre haben. Als Solitärbaum stellt er ein prägendes Element im Villen-Saggen dar.

Gefährdung: Buchen vertragen grundsätzlich Bodenverdichtungen im Wurzelraum und damit eine Schädigung der Feinwurzeln nicht. Bei geplanten Baumaßnahmen besteht durch den üblichen "Baustellenverkehr" - LKW, Betonmischautos, Bagger etc. - höchste Gefahr, dass die Wurzeln selbst verletzt werden und solche Verdichtungen passieren. Die Folge davon ist ein langsames aber sicheres Absterben des Baumes. Da der Feinwurzelbereich vor allem bis in den Kronentraufbereich reicht, sind Baumaßnahmen im Kronenbereich und damit einhergehende Schädigungen der Wurzelmasse der sichere Beginn des Absterbens dieses Baumes. Dieses Absterben erfolgt über einen längeren Zeitraum hin und kann bis zu 15 Jahre dauern.

Die Polykormie kann dieses Absterben noch hinauszögern, und es wird partiell erfolgen. Die Partien des Baumes die die in Bereiche ragen, die nicht von Baumaßnahmen betroffen sind, werden länger überleben, haben aber auf Dauer keine Chance.

Schlussfolgerung: Zur Erhaltung des Baumes muss bei eventuellen Baumaßnahmen der Boden im Kronenbereich vom Baustellenverkehr freigehalten werden, Baggerungen und Fundamentierungen dürfen unter der Krone der Blutbuche nicht durchgeführt werden. Um dies zu gewährleisten sollte der Kronenbereich durch einen Bauzaun geschützt werden.

Hinweis: Als dieses Gutachten erstellt wurde war noch nicht bekannt, dass der Bau fast ausschließlich im Kronentraufbereich errichtet werden soll!

 

Über die Stellungnahme des Amtssachverständigen, auf deren Grundlage die naturschutzrechtliche Ausnahmebewilligung erteilt wurde, schreibt Univ.·Prof. Dr. Sigmar Bortenschlager:

"Abschließend muss festgestellt werden, dass der Gutachter mit der Fachnomenklatur nicht vertraut zu sein scheint und auch profunde Kenntnisse der Baumökologie werden vermisst.

In einem so diffizilen Fall sollte zumindest ein ausgewiesener Botaniker, am besten aber ein Dendrologe mit der Erstellung eines Gutachtens betraut werden, dann wäre wenigsten die Nomenklatur einwandfrei verwendet."

 

Aus den Medien:

Tiroler Tageszeitung

 

Zurück zur Hauptseite

 


Impressum: Herbert Stocker, Gänsbacherstrasse 3, A-6020 Innsbruck, email: herbert.stocker@hsto.info

Rettet das Innsbrucker Naturdenkmal